DIAROE DIAROE
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MUSIC

Das Eskalat

Release Date: 13/12/2013

Runtime: 31:24 min
Produced by Joscha Riedl
Mixed and mastered by Carsten Rehmann and Joscha Riedl
Recorded @ CKB-Recording by Carsten Rehmann and Robert Nowak
Coverartwork by Dominik Plassmann
Photo-, booklet-, inlay- and CD-artwork/layout by Joscha Riedl

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Album Review

Früher war alles besser. Da war es noch ein Kinderspiel, Spreu von Weizen zu trennen, die Szene übersichtlich. Mittlerweile dürfte jedes noch so kleine Kaff neben Wirt und Kirche auch auf eine dorfeigene Kapelle verweisen können, seltener im sakralen Bereich angesiedelt. Viel lieber wird der Tristesse des Alltags mittels Gewummere und Geholze der Garaus gemacht, die Folge: Brutal-Death-Partien gibt’s mittlerweile wie Sand am Meer, mit dem Unterschied jedoch, dass warmer Sand – solang nicht in der Kimme eingenistet – stets angenehme Emotionen evoziert. Musikalisch wird jedoch gerne nicht nur Band und oder Titel nach Dünnschiss (und anderen ähnlich gustiösen Sekreten) benannt, sondern selbiger auch produziert.

DIAROE – ein Fall für Actimel, Erwachsenenwindel oder Korken? Keinesfalls. Erinnert sich noch wer der älteren, vielleicht auch der jüngeren Semester an 1994, als die Berliner ORTH erstmalig mit ein bisschen Breitenwirkung auf sich aufmerksam machten? „Leichenschmaus“ der Name der EP, zwar nur zwei dahingeholzte Stücke, dafür kein schnödes Fast Food, wo die bildliche Darstellung Gusto, das tatsächliche Produkt kotzen machte. Nein, da wurde die ehrwürdige amerikanische Schule gekonnt aufs deutschsprachige Festland geholt, nicht unähnlich den Sachsen OBSCENITY oder auch den Schweizern SICKENING GORE und SILENT DEATH – die allesamt insbesondere CANNIBAL CORPSE und MALEVOLENT CREATION Tribut zollten, letztere sogar kurzfristig mit Brett Hoffmann am Mikro.
Als eine der wenigen jedoch setzten ORTH auf die deutsche Sprache, ansonsten doch eher bei heimatverbundenen Pandabären en vogue. Dass dies auch funktionieren kann, bewiesen letztes Jahr erst wieder überaus deutlich die Österreicher MOLOKH mit ihrem Zweitling „Feuertaufe“ – und eben auch DIAROE, die mit „Das Eskalat“ nach drei Demos (2007, 2008, 2011) final den Schritt auf die lange Distanz wagen.

Das Fazit: Starker Start, kein vorschnelles Lusttröpfchen, Hürden werden gekonnt gemeistert, punktgenaue Kurvenlage, unter der Adidas-Sohle ein fieses Staubwölkchen, dass die Nacheilenden in die Irre leitet, Zieleinlauf ohne Einlauf, das flutscht. Neben einem Songwriting, das durchaus mit etablierten, internationalen Künstlern mithalten kann, darf man DIAROE vor allem auch eins zugutehalten: Eine Produktion aus dem anno dazumal. Da wird nicht heillos getriggert, mit Harmonizern geliebäugelt oder der Panzer zum Loudness War getrieben. Nein, man setzt dort an, wo CANNIBAL CORPSE, DEICIDE und MORBID ANGEL mit ihren Frühwerken Pionierarbeit lieferten und holt jene ins neue Jahrtausend: Knackig und erdig, wird viel Wert auf Differenz gelegt, wobei aber gerade der deutliche Basssound nicht selten an „The Bleeding“ denken macht. Dadurch wirken die selten eingesetzten Slam-Parts auch nicht „neo“ und tausendmal gehört, sondern als gekonnte Abwechslung zwischen Dissonanz und tightem Schnellschritt-Marsch.
Abwechslung wird freilich auch in der Stimmlage großgeschrieben – auf Dauer kann es ja doch ziemlich langweilig werden, das Mikro als Darmverschluss zu verwenden und danach auch zu klingen. Christian weiß vielmehr, nicht nur textlich gekonnt Sozialkritik zu üben (Barney lässt grüßen), sondern begibt sich mit seiner Stimme gewissermaßen auch auf eine Metaebene und zeigt der Grummelgranz-Gemeinde, dass Diversität für mehr Wumms sorgt – man denke sich, Glen Benton und David Vincent hätten gemeinsam ein Kind gezeugt und das wäre ziemlich pissed ob voller Windel: Willkommen im trauten Heim der Jungfamilie DIAROE. Dass dabei Vers- respektive Reimschema keinen Germanisten hinter dem Ofen hervorlocken würde, sei hier nebensächlich zwar erwähnt, aber nicht jede Formation braucht einen Lindemann.

„Am Ende bleibt ...“? DIAROE gelingt über die komplette – wenn auch kurze und bündige – Spieldauer hinweg zu fesseln, stets „catchy“ Strukturen abzuliefern, ohne dabei an Brachialität zu verlieren – oder gar mittels überbordender Technik ein Fragezeichen nach dem anderen heraufzubeschwören. Vielmehr wird hier potenziert, was andernorts führerlos in den Graben gelenkt wird. Ende gut, alles gut.
Wertung: 4.0 von 5.0
- Stefan Baumgartner (Stormbringer.at)